Freitag, 29.09.2006
Zugabe! Zugegeben, ganz daneben!
Der moderne Konzertbesucher weiss, was er für sein Eintrittsgeld fordern kann, denn verwöhnt durch Jetzt 10% gratis mehr-Aufschriften seiner Frühstückspackung Cornflakes glaubt er dasselbe auch dort zu verlangen, wo intellektueller Hunger gestillt werden könnte.
Was vielleicht einst Zeichen grosser Begeisterung für die Leistung des Interpeten und dessen darauf zugegebene Antwort in Form einer Zugabe ist längst zu einem fordernden Händeklatschen geworden, das, sollte es der Künstler nicht verstanden haben, zu einem den ganzen Saal einnehmenden, rhythmischen Geklatsche ausartet, wie man es von Sitzungen der Sozialistischen Einheitspartei kennt. Diese jedoch kam, wie erschreckend für uns aufgeklärte Menschen demokratischer Gesinnung, ohne Zugabe aus.
Entspricht man, und hier seien jahrelange Erfahrungen erwähnt, dennoch nicht den Ansprüchen des Publikums, wird ein noch so spannungsvolles Konzert in den Kommentaren der Besucher, als zwar schön, aber eine Zugabe hätte er noch spielen können bewertet.
Doch woher kommt diese Forderung nach den Jetzt 10% gratis mehr? Ist es die Hoffnung, ein weiteres Werk zu hören, oder viel mehr der Versuch, ein bereits gespieltes Stück nochmals zu hören und dann sogar zu erkennen, um sich seine Musikkenntnis zu bestätigen?
Natürlich, so wie das Anschalten der Blinkwarnanlage an Stauenden einst bestraft, dann in seiner Auffahrunfälle reduzierenden und daher auch massenhaften Anwendung schliesslich legislativ eingeführt wurde, diskutieren Musiker schon bei Proben über das als Zugabe zweckentfremdete Werk. Viele Musiker, auch das sei zugegeben, freuen sich offensichtlich das ganze Konzert über so auf die Zugabe, sozusagen als Bestätigung ihrer selbst, dass einige in der Lage sind, die Zugabe bis zur Unerträglichkeit zu verlängern oder, da endlich zu Wort gekommen, da das Programm eine so überraschende Zugabe nicht ankündigt, mit endlosen, der Selbstdarstellung dienenden Wortschwällen zu kommentieren.
Es sei aber die Gegenfrage erlaubt: wann passt eine Zugabe und warum soll eine solche überhaupt Teil und Abschluss des Abends sein? Am Ende einer Mattäuspassion wird sie (vorläufig noch) niemand erwarten. Zum Abschluss eines Zyklus erwartet das Publikum mindesten die Wiederholung eines Teiles des Zyklus, wenn nicht sogar einen anderen Zyklus. Ist aber ein Zyklus, wie etwa die Goldbergvariationen, nicht in sich geschlossen genug und bedarf keines weiteren musikalischen Kommentars? Hat ein Musiker, der sein Programm konzipiert und seine Kräfte physischer, psychischer wie intellektueller Art zwecks bester Leistung genau einteilt, nach Aufführung eines Konzertprogramms keinen Anspruch auf Erschöpfung und damit Beendigung seines Auftritts? Oder verkommt der Musiker, ach ein Künstler!, zum Unterhaltungskünstler, der jener Lüge, der Beifall sei das Brot des Künstlers ?Guten Appetit! - glaubend, wie ein Hündchen dem Geklatsche folgt und weitere Stückchen aus dem Ärmel schüttelt? Und ist der, bei welchem das Händeklatschen den Pawlovschen Reflex des Speichels und damit Hungers sein Instrument erneut zu ergreifen auslöst, überhaupt noch ein seiner Sache treuer Künstler? Wie lange möchte das Publikum belogen werden, dass die Zugabe spontan entschieden wurde, aus Freude und Dank für das Lärmen des Publikums?
Carl Friedrich Cramer, der grosse Philosph und Musikkritiker hat es anders formuliert: Musik muss uns vergessen machen, dass wir Hände haben. Oder ist das Publikum bereits zu Konzertbesuchern a la Mozarts Schwiegermutter verkommen, die, wie Mozart schrieb, mit den Augen hört?
Wie auch immer, eine Zugabe ist, zugegeben, immer ganz daneben.
Donnerstag, 28.09.2006
Offenes Schreiben an den Ministerpräsidenten des Landes Baden Württemberg, Herrn Günther Öttinger
Offenes Schreiben an den Ministerpräsidenten des Landes Baden Württemberg, Herrn Günther Öttinger
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich mag mich an empörte Ausrufe seitens westeuropäischer Kulturinstitute in den frühen 90er Jahren über den Ausverkauf kultureller Güter aus osteuropäischen Privatsammlungen erinnern, eben da, wo sich ein die Geschichte seiner Familie hütender tschechischer Adeliger entschloss, ein auch ihm in seiner kulturhistorischen Bedeutung naheliegendes Buch zu veräussern, um dank dem finanziellen Gewinn das Dach seines in der Restitution wiedererworbenen Schlosses zu erneuern. Es galt abzuwägen, ob dieses Buch und dessen Besitz das Verfallen eines ebenfalls kulturhistorisch bedeutenden Baudenkmals, was es damals aber noch nicht war und dadurch staatlich nicht unterstützt, aufhalten und aufwiegen könne. Seit 1990 als deutscher, in Baden Württemberg geborener Wissenschaftler in Tschechien lebend und lehrend formulierte ich bald nach meinem Einleben in die gänzlich neuen Verhältnisse die These: Die Anpassung des Westens an den Osten geschieht durch die Anpassung des Ostens an den Westen. Viele kleine, sich zu mehreren grossesn Schritten vereinigende Tatsachen scheinen meine These zu bestätigen.
So auch Ihr Entschluss, wertvolle, für die deutsche Literaturgeschichte wichtigste Handschriften zu veräussern, um damit ein Gebäude zu restaurieren.
Es stellt sich bei allgemeiner Betrachtung der ungezählten Finanzkanäle, die zu einem solchen manchmal zu verkommen drohen, die Frage, ob in einem hochzivilisierten Land, wie es die Bundesrepublik Deutschland ist, überhaupt solche Überlegungen, von deren Ausführung ganz zu schweigen, gemacht werden dürfen. Ob es nicht unsere Verbundenheit und Verantwortung zur Geschichte sind, die solche Überlegungen von vorneherein ausschliessen. Ob es nicht die, aus Sicht der nächsten Genarationen, peinliche Verletzung kulturhistorischer Ethik ist, die einen Schatten auf Ihren Namen und mit Ihrer Handlung verbundenen Geschichte werfen wird.
Ich halte es für weit besser, den mit verschiedensten Auflagen zu dessen Erhaltung verbunden sein könnenden Verkauf des Schlosses Salem voranzutreiben, auf welches verantwortungsvolle Denkmalschützer ein sorgsames, aber nicht penetrierendes Auge werfen werden, als Handschriften in alle Welt zu zerstreuen, wo deren Verbleib, weiterer Verkauf und möglicher Verlust nur mögliche Zukunftsvisionen andeuten. Auch in Zeiten digitalisierter Archivierung verliert ein Original nicht an Bedeutung.
Ich bitte Sie und die Landesregierung Baden Württemberg, der ich Sie dieses Schreiben vorzulegen bitte, von der Idee des Verkaufes dieser wertvollen Handschriften aus der Bibliothek meiner Geburtsstadt Abstand zu nehmen. Es wäre mir, wie vielen anderen, für die Geschichte ihres Landes fühlenden Menschen, mehr als nur peinlich.
Mit herzlichem Gruss,
Dr.Andreas Hoffmann, Brno/Brünn, 28.9.06
Mittwoch, 27.09.2006
Sommerausverkauf der Kultur
Sommerausverkauf der Kultur
Der Sommer geht dem Ende zu und damit auch der Versuch zahlreicher Veranstalter, sei es öffentlicher oder privater Hand, Menschen weg von weissen Stränden in fernen Ländern hin zur Kultur im eigenen Land zu locken. Doch womit vermag man in einer Zeit moderner Technik zur nonvirtuellen Kommunikation mit Kultur noch verlocken? Schocken vermag Kunst seit den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts auch nicht mehr, blutverschmierte Opernsänger interessieren in Zeiten öffentlich einsehbarer Verkehrsunfälle langfristig so wenig, wie in einer Zeit der FKK-Strände, die teilweise Schöneres, wenn auch akustisch weniger Reizvolles zu bieten haben, nackt zitierende Autoren.Grosse Namen erwarten grosses Geld, Exklusivität ist nicht jedemanns Sache, das einen ständigen kulturellen Hunger auslösen könnende Bildungsprogramm der Schulen versagt ebenso wie die Heranführung an Kunst in der Familie. Ausnahmen bestätigen gerade hier leider nicht die Regel. Was bleibt, wenn nicht Künstler, nicht Werke, nicht das Ambiente verführen und das Desinteresse des Menschen übertölpeln können?
Die Kunst ist dann, und das sollte als ihr eigentliches Glück angesehen werden, wieder das, was sie von jeher war, eben eine Ausdrucksform und die Bedürfnisser dieser ansprechenden Elite, Kunst bleibt unter sich. Dass damit, ohne Förderer, Mäzene und Sponsoren kein Geld zu machen ist, erklärt sich von selbst. Aber eben daher gibt es diese, die Kultur unterstüzenden Organisationen.
Man mag dem entgegenstellen, Kultur würde in ihrer geforderten elitären Selbstbehauptung
zu einem Spielball derjenigen, die sich diese leisten können. Ein schwaches Argument, ebenso schwach wie die Ansichten derjenigen, die auf kulturelle Veranstaltungen gehen, um gesehen zu werden und in den Veranstaltungspausen durch nachgeäffte Kritkerstandpunkte oder lexikographisch bekannte Faktensuche zu imponieren zu suchen. Immer dort, wo sich bei kulturellen Anlässen der Geldbeutel aufbauscht, nicht aber der Kopf reflektiert, ist diese Klientel schnell zu durchschauen, sei sie noch so dominant sein. Letztendlich ? nach Hause und damit in sich gekehrt, ist sie sich der eigenen Leere bewusst.
Die Exklusivität der Kultur gilt jedoch nichts in den Augen vieler Veranstalter, die mit Supermärkten abgeschauten Methoden, und noch ärgeren, Leute zum Kulturschmaus zu verführen suchen. Ich rede hierbei nicht von der dezenten Überraschung, die in Form eines Glases Sekt den Eintrittspreis verziert, denn ohne diese wäre der Kulturgeniesser ohnehin gekommen, diese verschönert viel mehr das kulturelle Erlebnis, ist vielleicht auch ein besonderer Willkommensgruss. Ich denke auch nicht an Ermässigungen verschiedenster Art für finanzschwächere Gruppen, da diesen der gleiche Anspruch auf Kultur zugestanden werden sollte, wie den übrigen. Der Ausverkauf der Kunst im weitgefächerten Sinn des Wortes geht viel absurdere Wege und, so wage ich zu sagen, ist sich überhaupt nicht der Tragweite seines Handels bewusst. Weit schlimmer als dem Verbrauchsdatum entgegeneilende Lebensmittel, weilt billiger als Lagerplatz wegnehmende Restposten wird Kunst nicht einmal um jeden Preis verscherbelt, nein, sie wird umsonst geboten. Nicht einmal um ein Almosen wird gebeten, nein, Kunst, und dabei wirklich meisterhafte, gibt es nun zum absoluten Nulltarif.
Organisatoren mögen sich diese ?Kunst dem Volke? lauten könnende Hiobsbotschaft als humanistisch, bürgernah, erzieherisch wertvoll auf die Fahnen schreiben, ohne dabei zu sehen, dass der so gut angelegte Schuss total daneben geht. Denn nicht der Rezipient dieses Angebotes ist dem Akteur so wichtig, wie dieser sich eben selbst. Das Krösusgefühl, es sich erlauben zu können, qualitativ hochstehende Kunst dem Plebs vor die Füsse zu werfen und damit das Angebot ?nimm oder geh´weiter? zu formulieren, greift wie eine Seuche um sich, hier in Form einer Reihe Jazzkonzerte auf der Dorfstrasse, dort als Parteigänger werbender Anziehungspunkt, hier in Form einer mehrere Monate dauernden Ausstellung, dort als angeblich an die Comedia dell´arte anknüpfendes Strassentheater, hier in Form von Filmprojektionen auf dem Markplatz mit Freibier - die Auflistung liese sich beliebig fortsetzen, ein Blick in Veranstaltungskalender Europas vermittelt ein klares Bild..
Wer einst seinen nicht geringen, vielleicht lang ersparten Obolus für ein kulturelles Erlebnis gezahlt, so scheinen sich die Veranstalter zu dünken, wird es schätzen, nun umsonst partizipieren zu können ? ein Argument, das auf die Nachkriegsgeneration zutreffen mag. Denn wer einen Teil seines mehr oder weniger schwer verdienten Geldes für ein Kulturerlebnis auf die Seite gelegt und damit seinem intellektuellen Hunger schuldig geworden, wird dieses Erlebnis nicht nur intensiver erfahren, auch die Vorfreude auf dieses wie die nachwirkenden Emotionen werden sich nicht mit einem denen eines Gratisbonbon der Bankfiliale vergleichen lassen.
Bleibt die Frage, was den Veranstalter dazu bewegt, Kunst so zu entwerten. Die Antwort liegt in ihrer Einfachheit greifbar, denn es ist die Angst: Stell Dir vor, es gibt Kultur, und keiner geht hin. Wie uns aber die Erfahrung lehrt und die Psychologie bestätigt: jedes Verhältnis, in dem Angst eine Rolle spielt, ist krankhaft gestört und verlangt gründliche Klärung. Daraus folgert die noch drängendere Frage: wie steht es mit dem Verhältnis zwischen Gratis-Veranstalter und Kultur?
Erstaunlicher Weise lassen sich für solche Umsonst-Events leicht Sponsoren finden, die dem Humanismus-Gedröhne hilflos verfallen. Kultur ins Volk, heraus aus Konzertsaal, Museum und Kirche, hinein ins prasse und dadurch noch prassere und damit noch weniger zu kompensierende Leben. Da mögen Rousseaus Naturgedanken mit der Assoziation eines in der Natur stattfindenden Konzertes herhalten, verschwiegen wird dabei beiläufig, dass diese Ruhe, und sei es nur die eines Notturnos in wirklich dunkler Nacht in ruhigem Gassenwinkel, auch in hochzivilierten Gesellschaften nicht einmal morgens um halb vier zu realisieren ist. Was bleibt, um sich beschämt nicht dieser Veränderungen bewusst zu werden, ist die Forderung: weg mit der zerstörerischen Ruhe kontemplativer Bildbetrachtung!, weg mit der akustischen Abgeschirmtheit reizvoller Konzertsäle! Denn wenn sich Pop-Musik aus den Lautsprechern eines Autos mit dem Verkehrslärm zu mischen vermag, warum sollte dies einem den Allrounder Mozart präsentierenden Ensemble ?live!- abgesprochen werden? Der einst sarkastische Witz, was einen Bratscher von einer Motorsäge unterscheidet, wird Wirklichkeit.
Doch bislang leidet nur Kultur, die alles hinzunehmen seit Hunderten von Jahren gewohnt. Den Veranstalter freut´s, den Rezipienten kümmerts wenig.
Es sei allerdings erlaubt, wenn nicht gar von höchsten Nöten, auf die Folgeschäden dieser einfachen Denkweise aufmerksam zu machen Wie geläufig kommt uns ins diesem Zusammenhang das Wort Kulturpolitik über die Lippen, ein Wort, das sich gerade in Bezug auf den Ausverkauf der Kultur, aus zwei entfremdeten Wörtern zusammensetzt. Denn der Sommerausverkauf der Kultur hat weder mit Kultur, noch mit Politk zu tun. Es ist vielmehr ein böses, in unserer Zeit verwurzeltes Omen, das im Vorausblick Böses ahnen lässt. Denn wenn etwas einst mal frei gewesen, unbezahlbar, da nie eine Bezahlung einfordernd, muss es diesen Status behalten. Die Gewohnheit schlägt mit breiten Flügeln um sich, nicht zulassend, dass sich dieser Zustand einst ändern könne. So, wie viele Dinge unseres täglichen Lebens immer billiger wurden, um, wie die Luft an der Tankstelle, zu einer Gratis-Selbstverständlichkeit zu werden, wird sich in nicht allzu langer Zeit der Besucher eines kulturellen Anlasses an die Stirn tippen, wenn er für Kultur - für so etwas! - die Börse zücken soll. Denn schon lange geht man nicht der Kultur willen, sondern da gratis.
Es ist an der Zeit, dass Kultur, ähnlich einer Spitzenmarke, die nicht nur für Namen sondern vor allem für Qualität steht, wieder einen ungeahnten, nicht aber mit dem Hauch des fast Uneereichbaren verbundenen Reiz bekommt, eine Besonderheit bleibt, etwas, das man sich gönnt und leistet, um seine Existenz und Funktion als homo sapiens zu bestätigen. Erst dann werden Künstler zu denjenigen, die Besonderes leisten und sich somit eines diesem ebenbürtigen sozialen Ranges erfreuen können. Denn sie können Kunst.
Der Sommer und damit der Ausverkauf der Kunst geht dem Ende zu. Wann wird´s mal endlich wieder richtig Sommer?